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Oliver Marquart

http://twitter.com/doktorallesklar

Justin Timberlake ist nicht cool und wird es niemals sein - das ist eine Meinung. Meine Meinung, denn ich kann dem Falsettstimmen-Gesang des ehemaligen N'Sync-Sängers auch nach unzähligen Kollabos mit diversen Rappern nichts abgewinnen. Wenn Herr Timberlake mit seinem Gesang irgendwelche Gefühle ausdrücken sollte - ich jedenfalls fühle sie nicht. Andere mögen das anders sehen und das ist ihr gutes Recht. Es ist nur meine Meinung, mehr nicht. Hier stehe ich und finde Justin Timberlake nicht cool - ich kann nicht anders.

Diese Meinung, die ich gestern in einen kurzen Kommentar zu Jay-Zs neuem Song "Holy Grail" einfließen lassen habe, löste allerdings eine Riesenwelle aus. Plötzlich ging es gar nicht mehr um Justin, sondern darum, dass rap.de angeblich keinen Respekt vor Künstlern habe und diese "mit Füßen trete". Letztere Aussage stammt übrigens von MoTrip, von dem ich persönlich es mir gewünscht hätte, er hätte diese Kritik, zu der er jedes Recht hat, nicht gerade auf einer Plattform wie Twitter geäußert, wo nicht genug Platz für differenzierte Aussagen ist und alles zu Slogans verkommt, sondern zum Beispiel in einem Interview angesprochen. Bei der nächsten Gelegenheit sollten wir das unbedingt nachholen. Ich stelle mich gerne jeglicher Kritik, auch öffentlich. Ein Shitstorm bei Twitter jedoch bringt im allgemeinen wenig Erkenntnisgewinn, abgesehen davon, dass man viel über das Rudelverhalten von Menschen in digitalen Netzwerken lernt.

Abgesehen von der Stelle, an der sie geäußert wurde, kann ich auch den Inhalt nicht nachvollziehen. Ich bin seit zwei Jahren Chefredakteur von rap.de. In dieser Zeit wurde auf dieser Seite nie ein Künstler beleidigt, runtergemacht oder persönlich angegriffen. Ich bin seit über 20 Jahren ein Teil der HipHop-Kultur. Auch Rapper, deren Musik mir überhaupt nicht gefällt, respektiere ich. Man beweise mir bitte das Gegenteil.

Nun ist es allerdings so, dass rap.de bis vor ein paar Monaten das einzige Rap-Medium neben der Juice war, das überhaupt regelmäßig Review verfasst hat. Und bis heute sind wir neben der Juice sowie den Kollegen von laut.de weiterhin die einzige Rap-Plattform, die Alben auch negativ bespricht. Warum? Weil wir geil auf Aufmerksamkeit sind? Nein. Wir sind keine YouTube-Hater, die Spaß an der lustvollen Zerstörung haben. Wir haben aber den Anspruch, journalistische Arbeit zu leisten - und dazu gehört Kritik. Über die grundsätzliche Subjektivität jeglicher Kritik bei dem gleichzeitigen Anspruch, über die eigene Meinung hinauszugehen, ist eigentlich alles gesagt.

Kritik ist für jeden Künstler schwer zu ertragen. Und gerade in der deutschen Rapszene ist er es auch einfach kaum gewohnt. Viele Medien verzichten ganz bewusst auf Kritik, weil sie keine Lust auf Diskussionen haben. Und weil es Künstler gibt, die im Falle von negativen Reviews keine Interviews mehr geben wollen. Anstatt sich der Kritik zu stellen, ziehen sie sich lieber in die Schmollecke zurück. Schade, denn Kritik - sofern sie Substanz hat, natürlich - ist sehr wichtig für lebendige Kulturen. Eine Brave New World, in der alle mit einem falschen Lächeln durch die Gegend laufen und sich auch für halbgare, uninspirierte Sachen gegenseitig auf die Schulter klopfen, ist früher oder später zum Untergang verurteilt. Kritikfähigkeit - sowohl aktiv wie passiv - zeichnet einen mündigen, souveränen Menschen aus.

Natürlich gilt das für beide Seiten, Medien wie Künstler. Auch Journalisten machen Fehler. Manchmal besteht dieser nur daraus, dass man etwas zu überspitzt oder polemisch formuliert. Künstler haben meist ein extrem emotionales Verhältnis zu ihrer Kunst und sind dementsprechend empfindlich - zu Recht. Ein Rezensent sollte nie vergessen, dass der Rapper Zeit, Nerven, Mühe und Talent in seine Zeilen steckt. Aber wenn ein Rapper nicht den Takt trifft, muss man das auch sagen. Wenn ein Rapper einen lustlos klingenden Part bringt, muss man das ansprechen. Und wenn ein Sänger es nicht schafft, Emotionen in einem Rezensenten auszulösen, muss daran nicht unbedingt der Rezensent schuld sein. Peace.

 

 

 

 

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