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Oliver Marquart

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Da ist er wieder, der Nahostkonflikt. Mitten im deutschen Rap. Oder besser: Auf dem Twitteraccount von Bushido. Bzw. dessen Avatar. Das zeigt eine Karte von Israel und den palästinensischen Gebieten, eingefärbt in den Farben der Palästinenser. Man braucht nicht allzuviel Fantasie, um das als Forderung nach einer Ein-Staaten-Lösung zu verstehen.

Nachdem die Süddeutsche durch einen Bericht auf diesen Umstand hingewiesen hatte, äußerten Politiker von CSU bis Grüne ihre Kritik an diesem Statement. Und auch wenn das an manchen Stellen übertrieben sein mag und dem üblichen Empörungsschema folgt - dieses Mal liegen sie im Kern leider gar nicht so falsch.

Denn mit dieser Karte präsentiert Bushido einen "Lösungsvorschlag", der konsequent zuende gedacht unangenehm an die sogenannte "Endlösung" erinnert. Was würde es denn praktisch bedeuteten, wenn der Staat Israel von der Landkarte verschwände? Dass seine knapp acht Millionen Einwohner entweder vertrieben oder ermordet würden.

Bereits in einem Kommentar zu den Äußerungen deutscher Rapper bezüglich des Gaza-Krieges habe ich die einseitige Parteinahme für eine Seite im hochkomplexen Nahostkonflikt kritisiert. Nimmt man das Avatar, so ist ein neuer trauriger Höhepunkt in dieser Einseitigkeit erreicht. Hier wird offenbar von der simplen Annahme ausgegangen, die Palästinenser hätten einen rechtmäßigen Anspruch auf das gesamte Gebiet und die Juden seien in dieser Region ein lästiger Fremdkörper - was historisch falsch ist. Zur Erinnerung: Bevor 1880 die ersten Juden in den Landstrich zurückkehrten, aus dem sie viele hundert Jahre zuvor von den Römern vertrieben worden waren, war Palästina, damals ein Teil von Syrien und somit osmanische Provinz, sehr dünn besiedelt. Weder damals noch später gab es einen Staat Palästina, den es nun wieder herzustellen gälte.

Auf der anderen Seite: Bei der Staatsgründung Israels 1948 geschah tausenden Menschen, die vertrieben wurden, Unrecht. Niemand leugnet das. Unrecht, das heute aber nicht durch neues Unrecht wiedergutzumachen ist. Unrecht, das vielmehr nur durch einen gerechten Frieden, bei dem beide Seiten Kompromisse eingehen müssten, wiedergutzumachen wäre - etwas, mit dem sich beide Seiten derzeit gelinde gesagt schwertun.

Solche komplexen Sachverhalte auch Leuten näherzubringen, die es gerne einfach und übersichtlich, schwarz und weiß, gut und böse haben, wäre tatsächlich eine Verantwortung, die Bushido übernehmen könnte. Ich habe die Verleihung des Integrationsbambis an Bushido seinerzeit ausdrücklich deshalb befürwortet, weil er der Verantwortung, die er als Idol gerade von Jugendlichen mit "Vibrationshintergrund" hat, immer wieder gerecht wurde. Zum Beispiel mit differenzierten und ausgewogenen Aussagen in der sogenannten "Integrationsdebatte".

Versteht man das Avatar als Statement - und genau das tun viele Jugendliche, wie man den Reaktionen bei Twitter entnehmen kann - so wird er dieses Mal seiner Verantworung leider nicht gerecht, sondern bedient vielmehr die weitverbreitete Sehnsucht nach einfachen Lösungen, "Endlösungen" gar, die mit Gerechtigkeit und Frieden in der Tat nicht das geringste zu tun haben.

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