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Rhymin Simon

Rhymin Simon has not set their biography yet

Rhymin Simon, seines Zeichens Battlerapper der ersten Stunde, hat sich für rap.de beim diesjährigen splash! verschiedene Auftritte angesehen. Da sein Kopf dermaßen auf Battle und Competition geeicht ist, wurden in seiner Vorstellung daraus, klar, Battles. Konzert-Battles. Unfassbar. Wer hat sowas? Die zweite Runde bestreiten Max Herre und Kraftklub.

Battle Nummer 2. Max Herre gegen Kraftklub. Auf der einen Seite also der große Revolutionsbeschwörer im wunderschönen Gewandt eines politischen Deutschrappers. Der Typ, der scheinbar mehr Schriftsteller, Philosophen und politische Vordenker kennt als mein ehemaliger Deutschlehrer Herr Koedel. Der Mann aus dem Schoße der Kolchose. Der Mann, der immer an Anna denken muss, wenn es regnet. Willkommen auf dem splash!. Regnet es? Klar – es ist splash!. Jedes Jahr aufs neue. Auf der anderen Seite eine Formation, die auch jedes Jahr aufs neue dabei ist, und das schon zum vierten mal in Folge. Und das ohne auch nur ein bisschen HipHop zu sein. Oder? Aus Karl-Marx-Stadt über Universal zum Bundesvision Song Contest. Das dürfte wohl eindeutig werden – das Battle scheint entschieden, bevor es losgeht. Dennoch, von 100 Schaulustigen blicken jeweils 50 in Richtung einer Bühne. 3 - 2 - 1 . Ab geht’s.

Ehre wem Ehre gebührt. Und so blicken die Fans zunächst zu Max Herre. Max kommt auf die Bühne – seine Band spielt. Das Intro knallt. Ähhh, nee, schade, doch nicht. Das Intro knallt genau Null. "Hallo Welt“ plätschert so vor sich hin. Vorgetragen mit großer Langeweile. Das Licht gedämmt. Das DJ-Pult in eine Art Strandbar eingebaut. Okay, das mit der Langeweile soll wohl so sein. Strandatmosphäre, die Sonne geht grad unter, einen Cuba Libre in der rechten, die Urlaubsliebe in der linken. Schöööön. Hupps, aufgewacht, Mist wir sind ja doch auf dem splash!. Und hier wirkt der Auftritt eher so zum Runterkommen zwischen zwei Durchdreh-Acts. Gut dann stimmt das Konzept natürlich wieder. "Ich lass mich treiben“ schwärmt Max ins Mic. Klar, um sich treiben zu lassen, steht man auf der Bühne des splash!. Das ist mal Luxus. Die kubanische Zigarre mit 'ner 100 Dollar Note anstecken. Danach dann Revolution.

Die Sticks des Kraftklub-Drummers scheppern aneinander. Scheint loszugehen. Und wie! Kraftklub steht gut sortiert wie die Viererkette vom Chemnitzer FC in Formation, und startet einen musikalischen Angriff nach dem nächsten. Das geht nach vorne. Vor allem, weil Leadsänger oder Rapper (was soll ich sagen) Felix abgeht, als wolle er den Ugly-Dance-Wettbewerb gewinnen. Gute Chancen, würde ich sagen. Es geht hin und her. Das Publikum hat scheinbar unendlichen Spaß an diesem Treiben.

Und während Kraftklub ebenfalls unendlichen Spaß an diesem Treiben zu haben scheinen, blickt Max während seiner nächsten Songs und auch dazwischen so abwesend, als würde er grad die Quadratur des Kreises berechnen oder als würde er dem Higgs-Boson dabei zugucken, wie es Teilchen seine Masse gibt. Kraftklub bewegt die Massen lieber. Pogo? Klar. Laola-Welle? Natürlich. Und der Todesgraben? Ja, warum nicht – geht klar. Bei Kraftklub geht es richtig ab. 80 von 100 Zuschauern rasten aus. Die restlichen 20 genießen den Auftritt von Max Herre, die schöne Ruhe, klar Händeheben ist Pflicht. Aber diese Entspannung, dieses Schweben kann man hier gut genießen. Max, und das ist ein wirklich wichtiger, aber zugleich verwirrender Punkt, funktioniert mit seiner Band richtig gut. Diese Art Beats müssen und sollten wohl auch nicht von Platte kommen. Drums, Keys, Gitarre, Bass, Max, das alles ist sehr harmonisch, sehr chillig, sehr geil. Nur sind 95 von 100 Leuten halt grad nicht am Strand, sondern auf dem splash! zum feiern, aber musikalisch ist das cool.

Was kann Kraftklub dem musikalisch entgegensetzen? Tja, irgendwie kommt man sich schon etwas verarscht vor. Verarscht aber entertaint. Musikalisch kann ich das gar nicht bewerten. Auch der Gesang oder der Rap, schwer zu sagen. Aber das ist alles cool. Ohne Frage. Ich fühle mich in diese eine Serie versetzt, in der Fonzie immer mit den Fingern geschnipst hat und die Bräute sofort angerast kamen. Als hätten Fonz' Freunde eine Band gebildet. Das ist richtig cool. Das macht Spaß. Die Massen sind heiß. Die Backings kommen von den restlichen Musikern. Hooks sind aufgeteilt. Das flowt ohne Rap zu sein. Max Herre versteht natürlich ebenfalls sein Fach. Nur seine melancholisches Gesäusel von Afrob backen zu lassen, klingt schon sehr sick. Andersrum hingegen kommt das gar nicht schlecht – wenn Max Herre Afrobs Part backt. Und der Gesang von Joy. Der geht wohl der einen Hälfte des Publikums direkt in die Seele und der anderen Hälfte mies auf die Klöten. Noch ein Problem. Leider ist Kraftklub kaum zu verstehen. Die Mics sind deutlich unter den Beat gemixt. Das nervt brutal, aber da kann Kraftklub wohl nichts für. Max Stimme ist deutlich klarer, verstehen kann ich ihn aber trotzdem nicht. Zwischen all den Aufzählungen von Personen, an die ich mich kaum noch aus meiner Schulzeit erinnern kann und der politischen Aufklärung gehe ich verloren. „Splash – wißt ihr was ich meine“ fragt Max. Nee, ich glaube nicht. Wie sagte Stefan Raab so schön: Ich frage mich ob ihr den Unterschied zwischen Che Guevara und Cevapcici kennt. Tja, wie viel kennen den von 100 Leuten im Publikum neben mir noch nicht? Gute Frage, wird aber nicht beantwortet, da die meisten eh lieber zu Kraftklub feiern. Wenn man eine politische Veranstaltung haben will, ginge man eh lieber auf die Love Parade und hört Dr. Motte zu. Schließlich ist der Doktor.

Und während man so schön am normalen Durchdrehen ist, kommt ein ganz großer Leckerbissen. Der Joker tanzt sich auch die Bühne von Kraftklub. Rufmord ist natürlich auch mit Maske erkennbar. Bester weißer Tänzer ever. Und wo Joker ist, kann wer nicht weit entfernt sein? Genau! Aber wo verdammt. Ahhh, vom Himmel her lässt er sich abseilen. "Dädädädädädädäd ...“ live gespielt. Das kommt schon sehr geil und wird entsprechend gefeiert.

HipHop-Attitude. Das ist wichtig. Klar. Da hat Kraftklub nicht viel vorzuweisen – ist ja auch ne Rockband, oder so. Ist das trotzdem Sprechgesang? Hmmm. Interessant, dass nicht wenigstens durch die Gastauftritte mehr Kredibilität eingekauft wird. Casper – eh jemand der sich zwischen den Genres bewegt und Nico von K.I.Z. kam ja als Fledermausmann auch nicht sehr HipHop-like um die Ecke. Trotzdem, das ist konsequent drauf gekackt, und damit schon wieder ziemlich cool. "Wir sind nicht wie die anderen Jungs“ wird hier endlich mal nicht ad absurdum geführt.

Zeit eigentlich für Max etwas Boden gut zu machen. Aber außer diesen ständigen HipHop-Liebesbekundungen wie "Ich liebe nicht Nas oder Jay Z – ich liebe beide“ oder so ähnlich, kommt hier auch nicht viel mehr. In seinem groben Baumwollhemd und der Strandbar-Atmosphäre sieht das alles eher nach Urlaub in der Karibik als nach einem Besuch in der HipHop-Church oder der Bronx aus. Aber, und jetzt wird es verrückt, aber es kommen ja noch Max' Freunde. Megaloh und vor allem Afrob sorgen für Splash-Stimmung. Die Crowd dreht sich verwundert der Herre-Band zu, wenn das Reimemonster zeigt, was es seiner Meinung nach heißt, kollektiv durchzudrehen. Und das funktioniert. Es funktioniert, weil es gut ist. Das feiert auch Kraftklub. Ja? Feiert Kraftklub Rap? Ja, ich glaube schon. Eine kleine Randgeschichte, die aber sehr aufschlussreich ist. Als die ersten Reihen nach Wasser schreien, versteht Felix von Kraftklubs scheinbar etwas falsch und stimmt mit ein: Azad, Azad, Azad. Kraftklub kennt Azad. Und damit – ganz nebenbei – ohne es groß raushängen zulassen – ist da die gesuchte Kredibilität. Mega. Und? Gibt es nächstes Jahr vielleicht sogar ein Azad-Feature on stage? Wahnsinn, wäre das. Dieses Jahr gab es als zweites Feature niemand geringeren als den Halbe-Million-Euro-Mann Casper. In diesem Song ging es glaube ich ums Küssen. Und obwohl ich ja der Meinung bin, dass ein Blowjob auch mal ohne dämliches Rumgeküsse drin sein sollte, war auch dieser Track geil und wurde von den meisten der 100 Leute gefeiert. Gefeiert wie die anderen Songs auch. Da geht es um Liebe, um dies das und um den Generationskonflikt. "Unsere Eltern kiffen mehr als wir“, das kommt an – und automatisch will man noch mehr abgehen, noch mehr saufen noch mehr blöde durch die Zelte rumhuren, nur um noch krasser zu sein als seine Eltern.

Okay, gleich machen wir das alles. Nur noch kurz Kraftklub zu Ende gucken. Wie krass hätte Max Herre auch dieses Thema verhunzt? Kaum auszumalen. Wie viele der pubertierenden HipHop-Nerds denken wohl grade: geil, nach dem Max Herre-Gig starte ich eine Revolution? Von 100 sind es – glaub ich – ähh – naja lassen wir das. Revolution geht ja nächstes Jahr auch noch.

Klar nächstes Jahr geht auch noch. "Erst mal bewege ich die Massen noch etwas mit Musik“, scheint sich Max zu denken und schnallt sich seine Akustikgitarre um. Wie geil ist das denn bitte? Hätte Gott oder Petrus oder welcher Motherfucker da oben auch immer fürs Wetter verantwortlich ist, etwas besser aufgepasst, so hätte er es jetzt regnen lassen. "Ich bin Max aus dem Schoß der Kolchose – doch was 'ne Katastrophe, das ging mächtig in die Hose“, Nein. Ging es nicht. Dieser Song ist geil. Der funktioniert live super, die Crowd ist gefesselt. Tränen, Umarmungen, Schluchzer, alles habe ich gesehen. Da kann Kraftklub nichts gegensetzen - denkt Kraftklub. Aufgeben ist jetzt aber auch scheiße und so spielen sie einen Song aus oder über oder für ihre Heimatstadt. "Ich komme aus Karl-Marx-Stadt – ich bin ein Verlierer, Baby“. Und ganz plötzlich ist das Battle entschieden. Denn, der Song ist zu Ende, Felix schon an der Flasche, nachdem er sich für die Unterstützung während des Songs bedankt hatte. Drums - Gitarren - Bässe. Alles stumm. Nur, ja, nur das Publikum singt einfach weiter. Unaufgefordert. "Ich komme aus Karl-Marx-Stadt – ich bin ein Verlierer, Baby“. Und dieser Verlierer-Song macht Kraftklub doch tatsächlich zum Sieger. 65/35 schätze ich mal grob. Und das ist der Wahnsinn für eine Band die sich auf ein HipHop-Live-Battle einlässt, ohne nach den Regeln zu spielen. Warum findet man das gut? Warum, ist hier nicht die entscheidende Frage. Eh sind Fragen scheiße. Es ging um Party - und Party wurde gemacht – bei Kraftklub. Zumindest hat Max Herre seinen politischen Auftrag erfüllt und wird auch sicher in den Himmel kommen. Kraftklub hingegen kommt dafür nächstes Jahr wieder zum Splash. Five in a row. Ich freu mich.

Und um relativ fair zu bleiben – ich könnte mir gut vorstellen, dass Max live einfach nicht so richtig gut funktioniert. Oder aber live eher in gemütlichen Clubs oder an der Strandbar gut funktioniert. Könnte auch sein, dass Kraftklub nicht live nicht funktioniert. Ich check das mal. Jedenfalls, das Battle der Auftritte geht an Kraftklub. Props.

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