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Julian Riedel

http://twitter.com/jiggybeatjules

Es mag klingen wie ein Klischee, aber auch an denen ist ja bekanntlich hin und wieder was dran: Muso passt gut nach Berlin. Artsy und elektronisch-düster, manchmal verstörend bis überfordernd und doch faszinierend ist sein "Prog Rap Dark Hop Post Whatever", wie der Künstler - auf wenige Hip-Hop-Acts passt dieser Begriff so gut wie auf Muso - seinen Musikstil auf seiner Facebook-Seite nennt. Muso passt gut nach Berlin, denn er macht, was er will und was er kann. Gesignt beim Independent-Label Chimperator, gilt er als Rapper, aber er bedient dennoch nicht die szenetypischen Codes. Auf dem Cover seines Debütalbums "Stracciatella Now" posiert er gar nackt mit einem Mops auf dem Arm. Kein Wunder, dass Muso jetzt schon ein Hipster-Liebling ist.

Am Donnerstag, den 12. September 2013, war er nun tatsächlich mal wieder in Berlin, im Rahmen seiner laufenden "Stracciatella Now"-Tour, im Bi Nuu am Schlesischen Tor in Kreuzberg. Das ist ziemlich klein, und vielleicht etwas mehr als hundert Menschen haben sich dort eingefunden, um Muso zu sehen. Das ist nicht viel, aber bei einer ersten Tour mit einem ersten, gerade erst erschienen Album füllt man keine Hallen. Berlin also. Wie es die Tourstation quasi schon verlangt, eröffnet Muso gegen 22 Uhr, seinem Support-Act Julius Gale folgend, sein rund einstündiges Set mit "Die alte Ruine": "Du musst wachsen, nicht nur Intimzonen/Nicht nur Hipster, die in Berlin wohnen/Und nicht nur wachsen, sondern auch Reisen..." Braver Jubel aus dem Publikum.

Einiges wird klar, wenn man Muso, begleitet nur von zwei Musikern (einer davon der dem Publikum nun auch schon bekannte Julius Gale, der auch den Background-Gesang übernimmt) am Mischpult und am Schlagzeug, auf der kleinen Bühne beobachtet.

Erstens: Muso ist kein Profi. Das muss er auch nicht, das kann keiner erwarten, erste Tour und erstes Album und so. Er macht seine Sache trotzdem gut, wirkt zwar am Anfang noch etwas nervös, taut aber nach den ersten zwei Songs auf. Wenn er sich zwischen zwei Stücken ans Publikum wendet, klingt das nur manchmal einstudiert, bei den spontanen Bemerkungen verhaspelt er sich ein-, zweimal. Auffällig ist, dass er beim Performen fast durchgehend die Augen geschlossen hat. Da würde jeder Business-Profi von abraten, aber Muso ist ja keiner. Er übt noch. Dennoch hat der Rapper, gekleidet bloß mit einem Batik-Shirt, einer schlichten schwarzen Röhrenjeans, weißen Nikes und einem dünnen Goldkettchen, eine starke Bühnenpräsenz. Seine Bewegungen, seine ganze Körpersprache wird von Song zu Song selbstbewusster, und man merkt: Muso hat Talent. Nicht zur zum Texter und Studio-Rapper, sondern auch zum Performer.

Zweitens: Mit Rap und Hip-Hop im prototypischen Sinn hat das, was Muso macht, tatsächlich nicht besonders viel zu tun. Lediglich in den Ansprachen ans Publikum (bei denen er zum Beispiel Songinhalte kurz erläutert, was bei seinen Texten nicht ungelegen kommt) kommt hin und wieder sein Background durch, bei spontanen Äußerungen verraten Vokabular und Gestik seine Affinität zur Hip-Hop-Szene. Gegen Ende des Sets kündigt Muso einen unveröffentlichten Song mit dem Titel "Gegenwind" an, den er dann a cappella vorträgt. Dieser eine Song bestätigt, was man schon beim Hören des Albums vermuten kann: Musos Sprechgesang ist kein Rap im herkömmlichen Sinn, seine Intonation, sein Duktus, sein Flow sind tatsächlich viel näher an der Slam-Poetry. Vorgetragene Lyrik. Performierte Literatur. Kunst, sozusagen.

Das Publikum macht es Muso nicht unbedingt leicht. Nur ein paar eingefleischte Fans sind offenbar darunter, Versuche, das Publikum singen zu lassen, sind nicht sehr erfolgreich, nur eine Handvoll der Anwesenden ist textsicher. Macht nichts, Muso gibt trotzdem volle Power und kommt beim Herumspringen dann auch etwas ins Schwitzen. Höhepunkt der Show ist "Malibu Beach", der traurige Titelsong seiner kostenlosen EP über ein trauriges Mädchen, den Muso ankündigt als den"Song, der den ganzen Hipster-Shitstorm ausgelöst hat" und der dem Publikum die stärkste Reaktion bisher entlocken kann. Die kräftigen bunten Scheinwerfer passen gut zu seinen Songs, die elektronische Musik, Julius' Gesang, die Lichtshow und Musos tiefe Stimme schaffen eine interessante, spannende Atmosphäre. Falls er enttäuscht ist von der nicht allzu großen Resonanz, lässt er es sich nicht anmerken, so sehr Profi ist er dann doch. Zum Abschied gibt es Luftküsse für's Publikum, nachdem es brav nach einer Zugabe gerufen und diese auch bekommen hat. "M-U-S-O, M-U-S-O, M-U-S-O."

Muso ist vielleicht kein Rapper, wie man sich einen Rapper vorstellt. Aber eins hat sein Auftritt im Hipster-Mekka Berlin deutlich gemacht: Muso ist talentiert und ambitioniert, er weiß, was er tut, und er tut es gerne. Nicht umsonst stehen Leute wie Get Well Soon, Markus Ganter, die amerikanische Sängerin Joan As Police Woman, die Muso auf seinem Album bei "All Eyes On You" unterstützt, und nicht zuletzt das derzeit extrem erfolgreiche Label Chimperator hinter ihm. Und die stylischen Tour-Shirts vom Merchandise-Stand, gebatikt und mit der Skizze eines Mops, scheinbar Musos Maskottchen, bedruckt, sind mit Sicherheit auch was für Hipster. Man darf jedenfalls gespannt sein auf die zweite Tour und das zweite Album.

 

Setlist:

Die alte Ruine
Sieben
Wachturm
Wald
Break (Julius)/Orange Rose
Schatten
Blinder Passagier
Malibu Beach
Gegenwind (a cappella)
Wir lassen uns nicht fallen
Alles sofort (Duett mit Karo)
All Eyes On You

Zugabe:
Knutsch nicht mit dem Disko-Muso
Garmisch-Partenkirchen

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