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17.07.2012 Autor: Rhymin Simon

Rhymin Simon: Das splash!-Live-Battle

1. Runde: Cro vs. Prinz Pi

Rhymin Simon, seines Zeichens Battlerapper der ersten Stunde, hat sich für rap.de beim diesjährigen splash! verschiedene Auftritte angesehen. Da sein Kopf dermaßen auf Battle und Competition geeicht ist, wurden in seiner Vorstellung daraus, klar, Battles. Konzert-Battles. Unfassbar. Wer hat sowas? Die erste Runde bestreiten Cro und Prinz Pi.

Battle Nummer 1. Cro gegen Prinz Pi. Noch 5 Minuten bis zum Anpfiff. In welcher Formation werden beide Teams auflaufen? Wie ist die Taktik? Und vor allem, wie wird das Publikum reagieren? Spannend.  Auf der einen Seite steht Cro, Shooting Star, der mit der Maske - der nicht Sido ist (vermutlich), der mit mindestens einem Hit (easy mit über 20 Mio. Klicks auf youtube) und noch gesignet bei Chimperator als größtes Talent seit Marteria. Auf der anderen Seite Prinz Pi, Berliner Rap Legende seit Beatfabrik, mit einem breiten Repertoire aus Battle-, Porno- und Liebestracks sowie Sozialkritischem und Verschwörungskram, alles dabei, vom Self-Made-Mann zum Major und zurück. Zwei relativ unterschiedliche Rapper also, die aber im Prinzip nicht so weit auseinanderliegen. Das Publikum ist gespannt, soviel kann man sehen. Durch die Vorgruppen leicht angeschwitzt und in bester Bierlaune. Das splash-Wetter hält. Männlein und Weiblein gemischt - kleines Übergewicht auf männlicher Seite. Schwer einschätzbar für wen die Leute gekommen sind, kein Merch wie beispielsweise K.I.Z.-Peniskronen oder ähnliches gibt Auskunft. Von hundert Leuten blicken jeweils 50 in Richtung einer Bühne. Ein letzter Schluck Bier, und BaBamm, die Shows beginnen.

Der Blick des Publikums richtet sich zunächst auf Cro, ganz klar. Ein neuer Junge, frischer Wind, das will man sich wohl nicht entgehen lassen. Und dann kommt er schon, dieser Cro mit seiner Maske. Häh, da kommt ja noch ein Cro mit Maske. Verdammt, wer ist denn nun der richtige. Mein Gott ist das Spannend. Und noch einer. Jetzt wird’s verrückt. Noch einer. Krass. Die fangen an die Masken runterzunehmen. Wir können ihn gleich sehen. Traumhaft. Achso, einer behält die Maske auf. Das muss dann wohl der echte Cro sein. Bestimmt, denn ein Mic hat er ja auch in der Hand. "Ich kann nix erzähln ohne dass ich dabei flow“. Aha. Ich glaube in Pis Augen erkennen zu können, dass er nicht genau weiß ob da Biene Majas Freund Flip oder ein Pandabär über die Bühne schwingt. Das neue Modediktat wird natürlich erfüllt. Enge Jeans. Die Damen in der ersten Reihe könnten mühelos die Anzahl an Falten auf Cros Sack zählen. Drüber ein XXL Shirt aus längst vergangen geglaubten Zeiten. Naja zumindest wirkt es bei Cro XXL. Und dann, ja und dann, wie gesagt diese Maske. Als wären Pi und das Publikum nicht schon von Sidos Maske ausreichend genervt gewesen, muss auch das noch herhalten. Aber versuchen wir das zu vergessen. Insgesamt scheint es ja heutzutage darum zu gehen, so dämlich wie möglich auszusehen – am besten wie Steve Urkel. Und so geht dieser Punkt an Cro. Glückwunsch. Oberlippenbart? Klar geht auch, warum nicht. Da kann selbst Pi mit seiner 650 € Hose wenig entgegensetzen. Ist das wirklich eine 650 € Hose? Ja? Geil.

Gut, den verlorenen Punkt heißt es gleich wettzumachen. Und so steigt der Prinz auf sein Podest. Mehr Rockstar als Rapstar. Auf jeden Fall wird bei Pi ordentlich abgehitlert. Er animiert teilweise das Publikum möge die Hände bzw. die Fäuste (ist natürlich politischer) heben, dies das, und zwar bis zur letzten Reihe, doch kann man hier deutlich ein Zusammenspiel zwischen Pi und seinen Fans ausmachen. Das Publikum feiert Pi – da muss nicht aus dem Off vom eigentlichen Rapper ein „Zugabe“ angestimmt werden. Pi ist sich seiner jahrelangen Bühnenerfahrung immer bewusst, und so läuft das Ganze auch ab. Ein Profi am Mic. Deutlich beeindruckt versucht Cro, es dem gleichzutun. Leider kommt nicht viel mehr als ein "kennt ihr den schon“, oder "alle Hände hoch“ vor jedem neuen Song. Etwas traurig scheint das Publikum angesichts des Verschenkens eines fast grenzenlosen Potentials zu sein. Und so stolpert Cro über die Bühne und weint, dass er ohne Maske nicht in der Lage sei, Mädchen anzusprechen. Naja, vielleicht kann er sich Backstage ein paar Tipps von DCVDNS abholen. Würde Sinn machen. Aber flowen könne er, wie er deutlich oft betont. Sollte zwar eigentlich nicht so ungewöhnlich sein, wenn man schon auf einer splash-Bühne spielt, aber recht hat er zumindest. Es kommen wirklich gute Tracks. "I need a Dollar“, "Kein Benz“ und dergleichen mehr. Den Leuten gefällt das, sie gehen mit, singen die Hooks mit, alles solide – solider Rap oder Pop oder Raop. Was auch immer das ist. Und das schöne ist, es ist kein Ausfall dabei. Dennoch, das beeindruckt Pi nicht. Flowen kann er nämlich auch, aber er hat es nicht mehr nötig das zu erwähnen. Er ist mehr darauf bedacht, dass das ganze vom Herzen kommt. Und das hört man auch. "Der einzige der an uns geglaubt hat bin ich gewesen“, kommt direkt aus Pis Seele in die Ohren der Crowd. Obwohl es im offiziellen splash-Deutsch ja eigentlich "Der einzigste“ heißen müsste. Egal. Bei beiden Rappern werden die Hooks mitgefeiert, bei Pi mehr noch, die Klassiker nämlich auch in den Strophen.

Und dass die Klassiker jetzt in einem neuen Gewand kommen, stört auch niemanden. Die Instrumentals kommen nicht mehr aus Drummaschinen und Synthies (bzw. von Platte), sondern werden live von einer Band gespielt. Irgendwie schon merkwürdig. Da kennt man Prinz Pi bzw. Prinz Porno seit Jahren auf der Bühne, immer HipHop, wenn auch nicht klischeemäßig, aber dennoch Hip Hop, und jetzt kommt er als eine Art Curse im Stile eines Casper. Das ist nicht negativ, nur muss man diesen Wandel erst einmal mitmachen. Aber da es gut und authentisch ist, fällt es dem Publikum nicht schwer. "Keine Liebe“,  Pi verabschiedet sich immer weiter von den HipHop-Standards in Richtung Indieband oder so, da kenn ich mich nicht aus. "Königin von Kreuzberg“ ist eh ein starker Song. Kein HipHop, aber ein starker Song. Bei Cro scheint das andersrum zu sein. Hier kommen die Beats wohl von Platte und werden nur von einem Schlagzeug und einer Gitarre (abwechselt vom Synthi) unterstützt oder dickgemacht – kein Plan. Schon komisch, Pi geht kontinuierlich den Weg vom Real-Hip-Hop-Underground-alles-andere-ist-schwul in Richtung Band und Cro scheint von der Halfpipe auf die Hip Hop Bühne zu stürmen. Verrückte Welt.
Laut sind beide. Cro vielleicht sogar etwas deutlicher – der Sound ist sehr, sehr klar. Aber woher kommt diese Brillanz in seiner Stimme, wundert sich Prinz Pi bestimmt? Ist es Psaiko.Dino - sein DJ-Backup in Personalunion? Oder warte, hat Cro da nicht schon wieder eine Zeile ausgelassen und trotzdem konnte man die Raps hören? Aber vielleicht ist der Drummer ja auch noch Back-up und immer on point. Ganz bestimmt sogar. Oder? Und was macht Pi? Pi hat E-Rich. Mit E-Rich als Back-up sieht das alles sehr gut aus. Gekonnt läuft dieses Zusammenspiel ab. Back-up-Rapper ist im Hintergrund, macht trotzdem Stimmung und unterstützt den Hauptakteur. Quasi der defensive 6er des Rap. Sobald Pi einen Part auslässt, ist E-Rich zur Stelle, nicht zufällig, sondern einstudiert. Und da Pi auf seinem Podest wie ein echter Rockmusiker auf der Stelle abgeht, zeigt E-Rich wie breit die Bühne wirklich ist. Das ist alles stimmig, das Publikum feiert. Feiert zu recht.

Doch darf es ein bisschen mehr sein? Wie wäre es mit Spezialeffekten oder so? Klar ist, je weniger man am Mic zu überzeugen weiß, desto größer und geiler müssen die Gimmicks sein. Kurz, Pi weiß wer er ist und was er kann und bis auf den an Redman und Methodman erinnernden Formationstanz wird komplett auf Gimmicks verzichtet. Auf der anderen Seite Cro. Cro sieht durch seine Maske offensichtlich wie gut es bei Pi läuft und versucht nun ein wenig Leben in seinen Auftritt zu bekommen, um das Publikum auf seine Seite zu kriegen. Bühne frei. Cro bittet ein junges Mädchen auf die Bühne zu kommen. Endlich Spannung. Wird Cro ihr seine Liebe gestehen, kommt etwas Sexuelles oder gar etwas Sexistisches? Naja, zumindest das erste Mädchen kommt gar nicht. Das zweite dann auch nicht. Dann rafft sich das dritte Mädchen auf und klettert auf die Stage. Nach gefühlten 10 Minuten. Groß. Kurze Umarmung, dann darf sie ein Foto von Cro plus Band mit Rücken zum Publikum machen. Wieso das? Pi rennt kurz hinter die Bühne, um entweder sich zu übergeben oder totzulachen. Oder beides. Was für ein erbärmliches Gimmick.
Bevor alles vorbei ist und sich Cro der geballten Rap-Kompetenz Pis ergeben muss, wirft er einen seinen großen Hit in die Waagschale. Langsam rollt dieses wunderschöne Sample rein. Vielleicht etwas zu langsam. Aber es rollt. Duzend Fans drehen sich jetzt der Cro Bühne zu. "Leute sagen zu mir -Cro das Genie/ denn er flowt wieder wie/ dieser Hova und außerdem baut er die Beats“  … "EASY“! Die letzte Chance witternd wird Cro etwas selbstsicher und flowt weiter … "und dieser Typ hier vergleicht sich mit Jay-Z/ und scheißt auf die Playsi/ denn ich häng' ab mit Rockstars genauso wie AC/D“ … "Easy“. Pi wird nervös. Und dann, wie aus dem nichts, bricht Cro den Song ab. Brillant. Einen Elfmeter zu bekommen, Anlauf nehmen, und den Ball dann absichtlich über das Tor zu lüpfen. Brillant. Die Fans endlich gecatcht, um sie dann eben nicht durchzuficken, sondern einfach wieder loszulassen. Ganz! Große! Klasse! Nun läßt Cro tatsächlich den DJ rewinden und das Publikum den Text rappen. "Eigentlich nicht soo schlecht“ scheint Pi zu denken. Doch ihm kann dieses Schauspiel nichts anhaben. Er weiß was er kann. Gekonnt legt er einige seiner Klassiger vor. "Keine Liebe“ und "Lippenlesen“, diese Songs brauchen keine Hits sein. Sie sind auch so gut. Das ist Rap, oder Neopunk oder was auch immer. Das ist einfach ein guter Auftritt.

Okay, gucken wir ins Publikum und zählen durch. Schätzungsweise haben 80 von 100 Leuten im zeitlichen Durchschnitt den Auftritt des Neopunkers angeguckt. Vielleicht bei "Easy“ und den ersten zwei Minuten etwas ausgeglichener oder auf der Cro-Seite, aber im Schnitt lockerer Punktgewinn für Prinz Pi.
Das Schlusswort würde ich gerne diesem grade so am 19. Lebensjahr schnuppernden Mädchen gönnen, die ich auf dem Zeltplatz, obwohl Cros Auftritt bereits vorbei war, fragte, ob sie denn auch zu Cro ginge. Nur so, als dämliche Einleitung weil mir keine noch dämlichere einfallen wollte. Worauf sie - mich nicht eines Blickes würdigend - sagte: "Wer geht denn bitte zu Cro?“.

Kommentare   

 
0 #1 Giga Gerne 2012-07-19 20:04
Rhymin Simon ist PRO Pi ,.. ;) Wenn dann müsste man das "Battle" objektiv Beurteilen aber Simon ergreift, vermutlich durch die gemeinsame Bunker-Vergange nheit, permanent Partei für Pi !!! Krass mal wieder was von Simon gehört/gelesen zu haben,.. hmm, wann kommt das neue Album von Simon?? ^^
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