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MoTrip – Embryo

Von allen Senkrechtstartern, die derzeit das deutsche Rapspiel aufmischen, ist MoTrip mit Sicherheit derjenige, der am schwersten zu haten ist. Was will man dem jungen Aachener denn auch schon vorwerfen? Mangelnde Realness? Wird schwer. Mangelnde Skills? Hahaha. Ein aufgesetztes Image? Nichts abwegiger als das. Gut, wer findet, dass Rap am schönsten ist, wenn sich eine vermeintliche oder tatsächliche Provokation an die nächste reiht, dass Beleidigungen ungefähr das achte Elemtent von HipHop sind, dass Zynismus eine zwingende Bedingung für gelungene Raptexte ist, der wird an MoTrip nicht viel finden. Dafür können alle, die auf durchdachte, sinnhafte Raptexte, einen souveränen Flow, eine prägnante Stimme und satt produzierte Beats ohne allzuviel Schnörkel stehen, jede Menge an „Embryo“ finden.

Dankenswerterweise hat auch der viel und heiß diskutierte Majordeal mit Universal nicht dazu geführt, dass das Debütalbum von MoTrip versuchen würde, etwas vorzugeben, was es nicht ist bzw. was er, MoTrip, nicht ist. „Embryo“ ist rund, durchdacht und ehrlich und setzt vor allem auf die Hauptstärke seines Protagonisten: Reime, Vergleiche, Wortspiele, kurzum Lyrics, und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes. Dabei nimmt MoTrip den Kritikern gleich von vornherein viel Wind aus den Segeln, wenn er in „Schreiben, schreiben“ den im Raum stehenden Vorwurf aufgreift, sein Rap beschäftige sich zu viel mit Rap. „Viele Leute sagen man soll nicht mehr übers Schreiben schreiben/ Ich hab das Gefühl, die meisten können nicht einmal „schreiben“ schreiben/ Ich muss schreiben, schreiben/ wie ein offizielles Schreiben schreiben/ Mir die Zeit vertreiben/ Schreiben, schreiben, schreiben, schreiben

Dabei ist es nicht einmal so, dass sich MoTrip auf den Songs von „Embryo“ mit nichts anderem als Rap beschäftigen würde, ganz im Gegenteil. Und wenn er es doch einmal tut, dann wie in „Triptheorie/ Meine Rhymes und ich“ auf originelle Art und Weise, nämlich indem er niemand geringeren als Marsimoto seine Reime personifizieren und sprechen lässt. Im Dialog mit Marsi bzw. seinen Reimen unternimmt MoTrip den Versuch, seine Stellung im Rapspiel festzustellen. Reime: „Schau dir mal die Charts an/ Deutscher Rap hat lang auf einem Baum gelebt wie TarzanTrip: „Und ich soll das ändern?“ Reime: „Nein, du bist schon dabei“.
Lediglich die Erwiderung auf Trips Einwand „Aber ich wollte alles hier vereinen„, nämlich: „Doch dein Album wird die Szene spalten“ ist nicht ganz nachzuvollziehen. Versöhnen statt spalten könnte nämlich tatsächlich durchaus das Motto von „Embryo“ sein. Die jungen Fans lieben Trip für seinen Charme und seinen immer wieder durchblitzenden Humor, gleichzeitig kann ihm kein Freund des puristischen Ansatzes unterstellen, nicht ganz klassischen, geradezu traditionellen Rap zu machen, ohne Gimmicks und Special Effects, dafür aber mit jeder Menge Herzblut und Überzeugungskraft. Dabei kommt ihm auch seine kraftvolle, warmherzige, etwas raue Stimme zugute, die sich auch für gelegentliche Gesangseinlagen durchaus eignet.

Da „Embryo“ bekanntlich sein Debüt ist, ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich gleich mehrere Songs damit beschäftigen, wo MoTrip herkommt („Alles was ich wollte„), wo er hinwill („King„, „Die Frage ist wann„) und was ihn auf seinem bisherigen Karriereweg so alles begleitet hat und widerfahren ist („Kunst„, „Tagebuch„). Dabei ist es nicht so, dass jeder Song ein klar abgestecktes Thema hätte, manche Motive tauchen immer wieder auf, verschieben sich, verändern sich, werden von neuen abgelöst. Meist folgen die Texte eher einem stream of consciousness, entwickeln sich eher intuitiv und assoziativ anstatt stur ein bestimmtes, festgelegtes Thema zu beackern. Dieser Umstand macht „Embryo“ noch persönlicher und glaubwürdiger, als es ohnehin schon ist. 

Seinen intensivsten und intimsten Moment erreicht das Album kurz vor Schluss mit dem Titeltrack „Embryo„: Das Thema Abtreibung wurde selten so emotional und zugleich ohne falschen Pathos aufbereitet. Storytelling war selten besser: Glaubwürdig, eindringlich, selbstkritisch. Apropos Selbstkritik: Überhaupt schafft Trip über die kompette Spielzeit des Albums den Spagat zwischen gesundem Selbstbewusstsein und noch gesünderer Selbstironie weitgehend mühelos.
Auf die redundante Verwendung von Kraftausdrücken und Schimpfwörtern verzichtet er fast vollständig, womit er sich ebenfalls von einer Vielzahl seiner ständig fluchenden Kollegen abhebt. Lieber haut er mit Bruder El Moussaoui den Tanzbodenkracher „Gorilla“ raus und zeigt mal wieder, dass auch ein Partysong nicht unbedingt Prostituierte, Schnaps und Statussymbole als Inhalt haben muss. Die Befürchtung, dass Hauptproduzent Paul NZA ihm den prägnanten Aggro Berlin-Sound, für den er ebenfalls maßgeblich mitverantwortlich war, aufdrücken könnte, erweist sich als unbegründet. Statt kalten Synthiesounds dominieren organische, wuchtige Klänge das Soundbild, mal treibend und dynamisch, mal melodisch und verspielt, mal, wie bei eben erwähntem „Gorilla„, elektrisch zuckend und mit Oldschool-Referenz.

Nur Licht und kein Schatten also? Fast. Der ursprünglich wohl sogar mal als Titelsong angedachte „Kanacke mit Grips“ wirkt etwas konstruiert und wenig schlüssig. „Manche Leute machen nix, manche machen die Hits/ Ich bin der erste scheiß Kanacke mit Grips“ – nun ja. Wobei die nachfolgende Aufforderung „Mach es wie ich“ durchaus trotzdem gerne von möglichst vielen wörtlich genommen werden darf – ein schwächerer Song unter 17 ansonst ausgesprochen starken – so eine Quote könnten ruhig mehr Rap-Alben aufweisen. 

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