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Ssio – Spezial Material

Immer, wenn man glaubt, Gangsta- oder Straßenrap sei am Ende, ausgelutscht, tot, immer dann, wenn man glaubt, alles sei mittlerweile gesagt und das von jedem, immer wenn die Lage also aussichtslos erscheint und man meint, da ginge nix mehr, kommt von irgendwo her ein neuer Heilsbringer. In diesem Fall ist das der Bonner Ssio, Kumpel von Xatar und gesignt bei dessen Label Alles oder Nix-Records, das auch Schwesta Ewa beheimatet.

Erste Bekanntheit erlangte er mit einem sauberen Video für das beliebte Halt die Fresse-Format, in dem sich bereits all seine Qualitäten zeigten: Eine gute Stimme, glaubwürdige Zeilen voller gekonnter Anspielungen auf Straßensachen (u.a. die Bi-Sprache) und obendrein – immer noch nicht selbstverständlich, wenn es um Straßenshit in D geht – jede Menge Skills. Nicht zu vergessen: Humor.

Das reichte eigentlich schon, um ihn aus der breiten Masse gesichts- und einfallsloser Straßenrapper hervorzuheben. Es folgte ein denkwürdiger Gast-Auftritt in Schwesta Ewas erstem Video „Schwätza“ („Ich ruf Ssio an und erklär ihm die Lage„), ein Feature auf dem Celo & Abdi-Album sowie die ersten eigenen Videos des Bonners, die den ersten Eindruck bestätigten: Hier ist jemand am Werk, der es sowohl sehr ernst mit dem Rappen wie mit dem Bezug zur Straße meint, der aber auch genügend Souveränität besitzt, um über sich selbst zu lachen. („…stellt mir einer der Bullen unglaublicherweise ein Weltklassebeinchen“).

Dies alles gilt auch für seine erste VÖ, die ein Mixtape geworden ist, und zwar eines in dem Sinne, dass Ssibio auf bereits bekannte Ami-Beats, zumeist Klassiker der goldenen New Yorker Jahre oder des G-Funk, rappt. Gleich das Intro „B(r)eit“ kommt schwungvoll in den Ring gesteppt, der Beat stammt von „Hit ‚em high“ und Ssio zieht den Hörer gleich mit Sprüchen wie „Du hast Dreadlocks drin? / Ich werd‘ dich wegboxen!“ in seinen Bann.

Mit dem Titelsong geht es munter weiter. Wir erfahren, dass SsioKnollen wie das Straßenverkehrsamt“ verteilt. Immer wieder schafft es der Bonner, einem mit seinen originellen Vergleichen und Wortbildern ein Lächeln abzuringen. Sehr achtbar auch, wie sich Schwesta Ewa auf „Jung, wat is los“ schlägt. Der grandiose Einstieg „In Gucci gekleidet / von Pussys beneidet“ ist schwer zu toppen, auch, wenn der Schwesta gegen Ende ihrer Strophe etwas die Puste ausgeht.

Mit „Ssio macht schlau“ hat auch der Song des besagten HDF-Clips es aufs Mixtape geschafft. Hier wird übertrieben viel Ticker-Knowledge gekickt: „Mach dein Abikku aus/ Sim-Karte raus/ Flubis fließt/ du siehst mich nicht/ was Benz?/ transportier im Opel Kadett/ jeder Ott-Ticker denkt/ wallah, Ssio macht schlau„. Nobelpreisverdächtig dann der Titel des gemeinsamen Songs mit Xatar, der immer noch seine Haftstrafe verbüßt: „Du bist ein Pisser, aber ist nicht schlimm„. Ganz großes Tennis.

Mit „Es geht nur um Sex“ featuring Celo & Abdi sowie „Dicke Eier“ folgen dann zwei Tracks, die sich eher dem zwischenmenschlichem widmen. Romantik pur – natürlich auf die unverwechselbare Ssio-Art. „Baby, du weißt, ich muss dicke Karren kaufen / damit du feuchter wirst als Schwimmer die tauchen/ läufst rum mit großem Ausschnitt und Tanga/ und wunderst dich, wieso ich dich aufdringlich anmach/ normal„. Hehe. Auch die Logik der von einer mit einer sehr sinnlichen Stimme gesegneten Frau gesungenen Hook leuchtet sofort ein: „Du hast immer dicke Eier/ weil du lockere Boxershorts trägst„, nur knapp übertroffen von einem trockenen „Ja, normal/ machst du oral?“ des so schmeichelhaft besungenen Ssio selbst.

Nach ein wenig mehr Ticker-Knowhow („Alles Routine„, „Kombis“ und „Besonders Aufbauseminar für Drogen und Alkohol„) sowie einem erneuten Kurztrip in romantische Gefilde („Schon wieder geht es nur um Sex„) beschließt Ssio sein Mixtape dann mit dem gechillten „Sonntag„, das auf dem „I Get Around„-Beat des seligen Tupacs daherkommt und wirklich passgenau relaxende Maßnahmen für den Tag vor Montag beschreibt.

Insgesamt das erwartbar gelungene Superding. Bleibt die Frage, wie Ssio sich eigentlich auf einheimischen, zeitgenössischen Produktionen anhört – diese wird vermutlich ein Album beantworten. Und ob die Featuregäste Obacha, Kalim und Hamed Lo sich auf eigenen Songs besser entfalten können. An der Seite von Ssio gehen sie nämlich eher ein bisschen unter. Was keine Schande ist, denn der Afghane hat einfach eine Riesenportion Charisma und Skills auf der Habenseite. 

 

 

 

 

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