XAVAS – Gespaltene Persönlichkeit

Als Savas-Fan der ersten Stunde wusste man ja nicht so recht, was man von einem gemeinsamen Album mit dem Soulbarden Xavier Naidoo so erwarten sollte. Sicher, der Mannheimer hat eine ausgeprägt schöne Stimme, leider aber auch einen ausgeprägten Hang zu schwammig-esoterischen Texten, was den Genuss vieler seiner Lieder sehr erschwert bzw. unmöglich macht. Savas selbst wiederum hat auf seinen letzten Veröffentlichungen zwar kein Deut seiner einzigartigen Skills, dafür aber einiges an Unvorhersehbarkeit und dem chaotischen Charme verloren, der seine früheren Werke so unfassbar überragend machte.

In dunklen Momenten war von XAVAS mithin das schlimmste zu befürchten: Ein Konzeptalbum über Verschwörungstheorien oder ein singender Savas, womöglich beides. Nun, nichts davon ist eingetroffen. Die ganz große Katastrophe bleibt also aus, die ganz große Überraschung, die ja auch möglich gewesen wäre, allerdings ebenso. Im Grunde ist „Gespaltene Persönlichkeit“ einfach ein souliges Rapalbum geworden, nicht mehr und nicht weniger. Savas rappt mit der gewohnten Energie und Durchschlagskraft, auch wenn seine Vergleiche schon deutlich knackiger waren als beispielsweise die bereits durchs Netz gejagte Phrase vom „Flowen wie Nasenbluten„. Die Parts von Xavier wiederum tun meistens niemandem weh, sind sauber und eingängig gesungen. Das Ganze passiert auf größtenteils hervorragend produzierten Beats, hervorzuheben ist dabei auf jeden Fall das zuckende Monster namens „Die Zukunft trägt meinen Namen„.

Musikalisch und rap- bzw. gesangstechnisch kann man „Gespaltene Persönlichkeit“ also kaum kritisieren. Savas kann rappen, Xavier kann singen, beide tun das, was sie können, ausgesprochen souverän. Und inhaltlich? Von Xaviers Hang zu bedeutungsschwangeren Worten hatten wir es weiter oben bereits, zum Glück lässt sich Savas davon eher selten anstecken. Einmal aber dann doch, und dann gleich so richtig: Den Tiefpunkt erreicht das Album mit einem sicherlich gutgemeinten Hidden Track, der sich mit angeblichen satanistischen Ritualmorden an Kindern befasst und das ganze zu einer Verschwörung drastischen Ausmaßes hochstilisiert. Schon, dass Xavier in seiner ungewohnt drastisch formulierten Strophe mal eben Kinderschänder mit Schwulen gleichsetzt („Warum liebst du keine Möse?“), stößt unangenehm auf.

Befasst man sich zudem etwas näher mit dem Thema, so stößt man auf allerlei fragwürdige Verschwörungsblogs, darunter auch solche, die beispielsweise auch der Hohlwelttheorie anhängen, sowie eine sehr reißerisch gemachte Doku. Zudem ist die Ritualmordlegende keineswegs neu, bereits in der Antike und im Mittelalter wurden bestimmte Völker und/oder Glaubensgemeinschaften mit dem Vorwurf belegt, zu rituellen Zwecken Kinder zu töten. Man fragt sich, warum die beiden sich nicht stattdessen greifbareren und gesellschaftlich drängenderen Problemen widmen. Und wenn es schon unbedingt um Kinderficker gehen muss – wie wäre es denn mal mit einem Song über die Vorliebe vieler deutscher Rapper für minderjährige Groupies?

Mit „Mehr als sie“ featuring Olli Banjo gibt es außerdem quasi den Song zur Occupy-Bewegung, und genauso unklar und vage, wie diese bzw. deren Ziele sich darstellen, bleibt auch der Inhalt des Songs. Immer frei nach dem Motto „die da oben“ und ohne konkret zu benennen, was denn nun eigentlich genau schief läuft. Sicher, es gehört nicht zur Aufgabe von Sängern und Rappern, blitzsaubere politische Analysen abzuliefern. Andererseits könnte man das Thema auch einfach ganz vermeiden anstatt es nur mal so am Rande anzureißen.

Der Rest der Songs, also etwa 93 Prozent des Albums, befassen sich aber ohnehin mit anderen, hauptsächlich emotionalen Themen. „Du bereicherst mich“ und „Form von Liebe“ sind waschechte Liebeslieder, „Schau nicht mehr zurück“ und „Wage es zu glauben“ wollen motivieren, „Gegen die Freundschaft“ ist eine Abrechnung mit alten Weggefährten, die man wahlweise auf konkrete Personen aus Savas‚ Vergangenheit wie Eko oder Azad beziehen oder als allgemeine Aussage verstehen kann. Natürlich wird auch representet, etwa auf „X.A.V.A.S.„, dem Intro „Du wirst sehen“ oder „Die Zukunft trägt meinen Namen„. Das alles selbstverständlich mit einer ordentlichen Ladung Pathos. Funktioniert.

Der Songtitel „Satan Weiche“ wurde bereits im Vorfeld ausgiebig im Internet auseinandergenommen, der Song selbst ist allerdings weit weniger sakral, als man vermuten könnte. Im Kampf Gut gegen Böse feuert Savas in seiner Strophe wutentbrannt auf den Gehörnten, während Xavier mit der schönen Tautologie von der „toten Leiche“ aufwartet.

Wie gesagt, schlimmere Befürchtungen waren ebenso wenig berechtigt wie vage Hoffnungen auf ein bahnbrechendes Werk, so dass man als Deutschrap-Fan hauptsächlich darauf hoffen darf, dass durch die Kollabo des King of Rap mit dem Multiseller Xavier Naidoo noch mal ein paar weitere Türen für deutschen Rap aufgestoßen werden. Das ist wie in der Champions League: Gewinnt der FC Bayern, bringt das letzendendes allen Vereinen, sogar denen in Liga 2, mehr Aufmerksamkeit, mehr Möglichkeiten und mehr Geld.

 

 

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