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Die Orsons – Das Chaos und die Ordnung

Was soll man von vier Jungs halten, die eine der wenigen Deutschrap-Boybands sind? Die beliebt für ihre schwachsinnigen Texte und ungewöhnlichen Beats sind? Von vier Jungs, die zu Männern geworden sind? Ein kurzer Blick zurück: Tua, Maeckes, Kaas und Plan B, eine Rapgruppe aus Stuttgart und Reutlingen, droppen ihr erstes Album und keiner weiß, was das soll. Nicht mal die Jungs selbst so genau – laut eigener Aussage wurde „Die Orsons – Das Album“ in nur vier Tagen aufgenommen und war ein Spaßprojekt, bei dem es einfach nur darum ging, viel Unsinn auf kitschige Beats zu packen.

Bis zum neusten Werk der Chimperator-Schützlinge war es also ein langer Weg. Da gab es zum Beispiel „Jean Paul Getty„, ein Theaterstück von Maeckes und Plan B, diverse Alben von Tua und eine Tour auf der Favorite und Kaas ihre Fans mehr oder weniger gegeneinander aufhetzten. Dabei lief das Orsons-Projekt immer nur mehr oder weniger nebenbei, die Solokarrieren der einzelnen Künstler standen stets mehr im Vordergrund. Was, um die Eingangsfrage aufzugreifen, hält man von einem Spaßprojekt, das plötzlich ernst wird und beim Major unterkommt?

Der Sprung vom Indie- zum Majorlabel ist natürlich eine super Sache, die für fast jeden Musiker erstrebenswert ist. Jedoch entstehen durch so einen Wechsel bei manchen Fans durchaus berechtigte Ängste und Zweifel, ob das Endprodukt eventuell zu Mainstream und zu viel Pop werden könnte. Wobei es ohnehin klar sein dürfte, dass man sich „Das Chaos und die Ordnung“ eher nicht anhören muss, wenn man auf harten Underground-Rap oder klassischen Boom-Bap steht. Wenn man aber ein Herz voller Liebe, eine Ader für Hits und vielleicht auch den ein oder anderen Selbstzweifel hat, kommt das neue Album der Orsons genau richtig.

Schon nach dem ersten Hördurchgang bestätigt sich jedoch allen Sorgen zum Trotz ein altes Sprichwort: Was lange währt, wird endlich gut. Überraschend ist, dass nicht mehr unbedingt alle vier Künstler auf jedem Track präsent sein müssen. Eine weise Entscheidung, denn so kann jeder der Vier seine musikalischen wie textlichen Einflüsse einbringen, ohne dass allzu große Kompromisse erforderlich sind. Und trotzdem oder gerade deshalb folgt das ganze Album einem schlüssigen roten Faden. Noch nie waren die Orsons so nahe bei sich. Tanzt man nach „Zambo Cristall Merkaba“ noch wild durch die Wohnung, sitzt man einen Track später „Für immer Berlin“ schon wieder nachdenklich und melancholisch auf dem Sofa und fühlt mit, wenn Kaas von der Angst erzählt, dass seine Freundin Schluss macht, sobald er wieder nach Hause kommt.

Der Song, der wohl am längsten erwartet wurde, nennt sich „Unperfekt„. Er ist eine neue Version des Songs von Maeckes, die es in der Form bisher nur auf Live-Auftritten zu hören gab. Das Original gab es bereits auf dem letzten Album des Band-Schönlings („Manx„). Schon damals sagte Maeckes selbst über den Song, dass dieser wohl nie wirklich fertig werde – unperfekt halt. Was auf „Unperfekt“ allerdings etwas störend ins Gewicht fällt, sind die Chöre gegen Ende des Liedes. Wären diese nicht, müsste man den Songtitel allerdings in „Perfekt“ ändern.

Zwar sind die Orsons eine Band, ein Team, dennoch sei es an dieser Stelle erlaubt, die Einzelleistung jedes der Jungs gesondert zu betrachten. Insgesamt fällt auf, dass Plan B im Vergleich zu den anderen drei ein wenig abfällt. Sein Solosong „Mars“ ist zwar ein schönes, melancholisches Lied, welches die wohlbekannte abendliche Sonnenuntergangs-Atmosphäre gut transportiert und auch alle anderen Parts, die man von ihm auf dem Longplayer hört, sind gut und meistens witzig. Aber im Vergleich zu Maeckes, Kaas und vor allem Tua ist und bleibt er eben das unscheinbarste Bandmitglied.

Das komplette Gegenteil davon ist der heimliche Star der Orsons: Tua. Geballte Rap-Power, ob es seine Doubletime-Künste („Rosa, Blau oder Grün„) oder melancholisch-wehklagende Gesangshooks sind („Lagerhalle„), dieser Mann ist einfach ein Allround-Talent. Neben Maeckes produzierte der Reutlinger den Löwenanteil der 15 Lieder auf dem Album. So zieht sich seine Handschrift nicht zuletzt wegen der Dubstep-Elemente in den Beats wie ein roter Faden durch „Das Chaos und die Ordnung„. Bleibt nur zu hoffen, dass Rapdeutschland bald mal wieder mit einem Rap-Album von Tua beschenkt wird.

Die wenigen Featuregäste fallen nicht groß ins Gewicht. Einmal ist da der Pandamasken-Mann Cro. Zusammen mit den Orsons vertrat er mit „Horst & Monika“ das Saarland beim Bundesvision Song Contest und sicherte sich so Platz 5 im abschließenden Ranking. Aber Hand aufs Herz: Die zwei Sätze hätte auch ein Kinderchor singen können, dann wäre es wenigstens niedlich gewesen. Zum zweiten spricht Ben Becker, seines Zeichens unter anderem Schauspieler, Autor und Trinker, das Intro. Klugerweise wurde auf weitere Gäste verzichtet, so dass der ohnehin schon ausreichend heterogene Orsons-Sound sich voll entfalten kann.

Einzelne Songs hervorzuheben gestaltet sich an dieser Stelle schwierig, denn „Das Chaos und die Ordnung“ ist ein absolut gelungenes, kohärentes Gesamtwerk, das man sich komplett ohne zu skippen anhören kann. „Vodka Apfel Z“ glänzt allerdings durch Wortwitz, Samples und einen eingängigen Beat und soll deshalb an dieser Stelle hervorgehoben werden.

Ein Satz aus dem Intro beschreibt das Album im Grunde perfekt: „Wir sind ’ne Band namens Die Orsons. Das Chaos, die Ordnung.“ Von raplastigen- bis hin zu deeperen Solo-Tracks, vom Chaos, das man anrichtet, während man zu „Wir können alles machen“ durch die Gegend pogt über Schunkeln zu „Horst & Monika“ bis hin zum Gedanken schweifen lassen während man „Jetzt“ hört. Das dritte Album der Orsons ist keine Pop-Platte eines Major Labels, sondern ein Album, das wieder einmal zeigt, wozu deutscher Rap in der Lage und imstande ist. Ein Gesamtwerk, an dem man sich gar nicht satt hören kann. Chapeau.

 

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