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Big Boi – Vicious Lies And Dangerous Rumors (Album)

So manch ein Segen zeigt im abgeschminkten Zustand recht fix seine hässliche Fratze und wird ohne großartige Vorwarnung zum Fluch. Zugegeben. Ein „Fluch“, dessen Begleiterscheinungen sich in Form eines unbeschwerten Jet-Set Lebens voller Highlife und Konfetti äußern, relativiert sich natürlich ein Wenig. Big Boi lebt seinen Traum, und das seit etwa zwei Dekaden. Es mögen durchaus schon Subjekte auf dem Antlitz dieser Erde gelustwandelt haben, deren Existenz in ungleich weniger erfreulichen Bahnen verlaufen ist. Trotzdem: Der Mann ist genervt. Da liegt die Veröffentlichung des letzten Outkast Albums nahezu 7 Jahre zurück, trotzdem will sich keiner so recht für die Solo-Karriere des Modenarren mit den 1000 Alter Egos interessieren. Über jedem noch so unbedeutenden Interview baumelt am seidenen Faden das Damokles-Schwert „Outkast„. Konsequenz: Den Löwenanteil der Musikpresse scheint die Abwesenheit eines Andre3000 auf „Vicious lies and dangerous rumors“ deutlich mehr zu tangieren, als das Album an sich. Die Zugehörigkeit zu einem der zweifelsfrei wichtigsten HipHop Duos aller Zeiten: sie mag Big Boi zwar den Weg geebnet haben, eine Art Klotz am Bein im Marathon „Musikbusiness“ scheint sie im Nachhinein allerdings trotzdem zu sein.

Laut dem Meister selbst, ist dieses Album im Kontrast zu seinem „echten“ Solo-Debüt „Sir lucious left foot“ ein reines „Spaß-Album“ geworden. Spaß-Album? Spaß-Album! Hm….Was hat sich der geneigte Hörer unter einer solchen Kategorisierung vorzustellen? Jeder Song ist unterlegt von den Maultrommeln aus dem Sesamstraßen Titelsong? Stand-Up-Comedy statt 16er? Eingespielte Zwangslacher aus dem Universum der Stefan Raab-Nippel? Natürlich nicht. Viel mehr äußert sich das Spaß-Konzept in einer gänzlichen Abwesenheit eines Konzeptes. Man merkt dieser LP praktisch in jedem Song an, was die auf ihr versammelten Musiker als Leitsatz vorgegeben hatten: „Einfach mal machen und dann kucken!“. Fröhlicher Ringelpiez. Auch gerne mit Anfassen.

Anfassen ist ein gutes Stichwort. Es wurden fröhlich Hände geschüttelt während der Produktionsphase, so viel ist klar. Es scheint, als habe sich Big Boi die halbe Welt zusammengetrommelt. Ein Mangel an Featuregästen lässt sich nach flüchtigem Überflug der Tracklist beim besten Willen nicht feststellen. Ganz im Gegenteil. Abgesehen vom Intro scheint lediglich EIN EINZIGER SONG (!) ohne fremdes Zutun funktioniert zu haben. Um die Featuregäste unter Zuhilfenahme der eigenen Finger zusammen addieren zu können, müsste man schon der Region um Tschernobyl entstammen und nach ’86 geboren sein. 10 Finger würden nicht reichen. Neben Dungeon Family-Mitgliedern Sleepy Brown und Killer Mike, den Dirty-South Posterboys T.I. und Ludacris, Nachwuchsrappern Kid Cudi und A$AP Rocky plus der in ihrer musikalischen Relevanz leicht angestaubten Kelly Rowland, haben es auch genrefremde Subjekte wie Little Dragon-Frontfrau Yukimi Nagano und Sarah Barthel, ihres Zeichens 50% des Indie-Pop Duos Phantogram, in die Credits vom „Vicious lies“ geschafft.

Bei einem solch versatilen Sammelsurium verschiedenster Mitstreiter, wundert es dann auch wirklich überhaupt gar nicht, das rein klanglich ein wirklicher roter Faden nur insofern existiert, das es keinen roten Faden gibt. Es lässt sich nicht überhören: Big Boi hat eher die Songs an die Kollaborationspartner angepasst als andersrum. Das zumindest wäre ein Ansatz zu erklären, warum Songs wie „CPU“ mit Sarah Bartel viel deutlicher dem Elektro-Pop als dem Rap in irgendeiner Form zuzuordnen wären. Dieser Eindruck lässt sich dann auch mitnichten lediglich an diesem einen Beispiel festnageln. Es geht weiter: Sleepy Brown verleiht dem Song „The thickets“ die typische Gospel-Soul Note, während Yukimi Nagano auf „Descending“ auf einem Lagerfeuer-Gitarrenriff deutlich diesseits der 80 BPM den Sänger aus Big Boi herauskitzelt. Die Schönwetterlines des anti-Realness-Magneten B.o.B. machen aus „Shoes for running“ quasi zwangsläufig einen dahinseichenden Rauswerfer inklusive Werbespot-Hook, während der durchaus funky daherkommende Kelly Rowland-Song „Mama told me“ aus einem rein akustischen Standpunkt heraus betrachtet auch wunderbar als Solotrack ohne Big Boi funktioniert hätte.

So wirklich HipHop hat streng genommen nur mit T.I. und Ludacris funktioniert. Besagte, in Atlanta beheimatete Kumpels und Dirty-South Aushängeschilder, helfen „In the A“ zu einer bitterbösen Nackenschelle im Trap-Gewand erster Güteklasse zu machen. Für Rap-Hörer, die ihr mit Tags geschmücktes Kanu lieber durch bekannte Sümpfe schippern, wird „In the A“ fast zwangsläufig das Highlight des Silberlings darstellen. Die restliche Spielzeit des Albums ist mehr oder weniger eine einzige fröhliche Ansammlung musikalischer Ausflüge und Experimente. Damit soll nicht impliziert werden, das das Dargebotene in irgend einer Form kopflos klänge. Gar nicht. Jeder Song macht für sich genommen schon Sinn. Blöderweise allerdings verliert sich die Anhäufung des eingespielten Materials in ihrer Gesamtheit ein wenig im musikalischen Niemandsland.

Dieses Album ist weder besonders toll, noch besonders schlecht. Es ist einfach nur, naja, ziemlich beliebig. Dass Big Boi die ausgelatschten Trampelpfade des Rap-Biz gewillt ist zu verlassen, um mal links und rechts des Weges den Kopf neugierig in den Wald zu stecken, laut Hallo zu rufen, und zu gucken, was so heraus schallt, ist ihm ja durchaus positiv anzurechnen. Allerdings wäre ein wenig mehr Geradlinigkeit doch ganz angenehm gewesen. Man wird einfach das Gefühl nicht los, dass der gute Mann sich zu viele hochmotivierte Wegbegleiter mit ins Boot geholt hat, die alle irgendwie in unterschiedliche Richtungen paddeln wollten….

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